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Das relationale Zeitalter. Individualität, Normalität und Mittelmaß in der Kultur der Renaissance (Habilitationsschrift) Im Jahr 1860 erschien Jacob Burckhardts Buch über die ‚Kultur der Renaissance in Italien‘. Seither gilt die Renaissance als Geburtsstunde des modernen Individuums, das sich durch seine Unverwechselbarkeit, durch Autonomie und ein neues Bewußtsein seiner selbst von den Menschen des Mittelalters unterscheidet. Als Indizien hierfür werden die Entstehung po-litischer Freiheit in den italienischen Stadtstaaten, die Auflösung sozialer Bindungen und vor allem die Entstehung des Porträts als eigenständiger Bildgattung genannt. Dem gegenüber steht die Beobachtung, dass die Renaissance ein besonderes Interesse für das Messen und Vergleichen entwickelte, das von Cusanus theoretisch begründet wurde und auf den unterschiedlichsten Gebieten zur Wirkung kam, z. B. bei der Einrichtung des Fege-feuers als Drittem Ort, der Abkehr vom heliozentrischen Weltbild, der Wiederbelebung der Geschichtswissenschaft und der politischen Theorie, der Entwicklung der Zentralperspektive, der Proportionslehre, der Physiognomik, der Astronomie, Astrologie und Anatomie sowie einer Ethik, die mit Verweis auf Aristoteles das Maßhalten zur wichtigsten Tugend erklärte. Die auf einer substanziellen Moral beruhende Dichotomie von Gut und Böse wird überführt in eine Moral, die Menschen als relativ gut oder relativ böse wahrnimmt (dies wird am Beispiel der Bilder von Judith und Maria Magdalena konkret gezeigt). Auf der Grundlage dieser Beobachtungen wird die Renaissance als das ‚relationale Zeitalter‘ beschrieben, in dem das Individuum nicht der autonome und unverwechselbare, sondern der messbare und vergleichbare, in unterschiedliche Weltdeutungssysteme integrierte und sich selbst im historischen Kontext verortende Einzelne ist. Burckhardts Interpretation der Re-naissance als Wiege der Individualität erweist sich vor diesem Hintergrund als Retroprojek-tion des zu seiner Zeit vorherrschenden Geniekults, in dem Individualität als Gegenteil von Mediokrität gilt, und die vermutlich deshalb noch heute so erfolgreich ist, weil sie die Ängste moderner Historiker vor der eigenen Nichtunterscheidbarkeit in der Massengesellschaft be-dient bzw. von der unangenehmen Frage nach der Normalität von Mittelmäßigkeit ablenkt. |